Grandiose Ausblicke während der Fahrt auf einer der schönsten Eisenbahnstrecken Europas.
 
 
 
Zahnräder kreischen, verborgene Ventile stoßen Dampfwolken gen Himmel. Schnaubend und fauchend setzt sich das blaue Ungetüm im Bahnhof von Realp in Gang.  Der Schornstein hüllt die Waggons hinter der »Gletschhom« Lokomotive in Steinkohlenrauch und Wasserdampf.  Die Passagiere stört es nicht, sie drängen sich an den Fenstern der Furkabahn. 
Im Führerstand der Lokomotive schippt der Heizer Jakob Knöpfi Ruhrkohle ins Schürloch der 84 Jahre alten Lokomotive »Gletschhom«.  Sie befährt die Dampfbahn Furka-Bergtrasse (DFB), die wohl eine der schönsten Eisenbahnstrecken Europas ist.  Vom 1538 Meter hoch gelegenen Realp im Schweizer Kanton Uri windet sie sich im Zahnradbetrieb bis auf 2160 Meter - dicht unter die Paßhöhe der Furka, die sie mit einem gut 1,8 Kilometer langen Tunnel durchschneidet.  Am Rhone-Gletscher vorbei schraubt sich die Strecke in Schlaufen, Tunnels und Viadukten wieder hinab, bis sie nach 18 Kilometern auf 1366 Meter Höhe Oberwald im Kanton Walis erreicht. 
Mit Mühe und unter Menschenopfern wurde die Bergtrasse zwischen 1911 und 1925 erbaut.  Da sie nur während einiger Monate des Sommerhalbjahres passierbar ist, sollte sie der Furka-Basistunnel ab 1981 ersetzen.  Eisenbahn Enthusiasten wehrten sich gegen den Abriß mit Erfolg: Seit 1993 keuchen Dampfzüge wieder bis zur Paßstation Furka und zurück; die restliche Strecke bis Oberwald soll in den nächsten Jahren befahrbar gemacht werden. 
Weit über der Baumgrenze ragen die Felswände von Gletschhorn und Galenstock auf, funkeln ringsumher Gipfel im ewigen Schnee. Von der Furka-Bergstation starten geführte Wanderungen.  Für Anfänger geht's über Wiesen und Matten bergan, Könner dürfen sich am Seil im Fels und Eis des Rhone-Gletschers versuchen, der sich jenseits der Paßhöhe Richtung Oberwald ins Tal schiebt.  Neben dem Gletscher mit seinem traditionellen Hotel »Belvedere« warten gleich Grimsel, Oberalp oder Sankt Gotthard-Paß auf Entdeckungslustige.
»Alte Mitarbeiter der Furka-Oberalp-Bahn, zu der die Bergstrecke früher gehörte, tippten sich an den Kopf« Wolfgang Schmidt, Verwaltungsratsmitglied der 1985 gegründeten »Darnpfbahn Furka Bergstrecke Aktiengesellschaft«, erzählt von der Wiederbelebung und Reparatur der altenTrasse. Das erste Baucamp in Realp firmierte anfangs am Stammtisch des Dorfwirtshauses als »geschlossene Anstalt«.  Doch das Ziel, »im hochalpinen Raum ein erstrangiges technisches Denkmal zu erhalten«, wie Schmidt definiert, schweißt mittlerweile über 1200 freiwillige Helfer aus ganz Europa zusammen.  Allein »für Gotteslohn mit Gletscherblick so Schmidt, opfern sie Urlaub oder Freizeit. 

Ungewöhnlich ist auch die Geschichte der beiden Dampflokomotiven »Furkahom« und »Gletschhorn«: 1913 und 1914 gebaut, wurden sie in den vierziger Jahren in das heutige Vietnam verkauft; ein Trupp von DFB-Bastlern spürte sie und andere Loks dort im Dschungel auf und verfrachtete die stark beschädigten Maschinen in einer abenteuerlichen Expedition nach Europa.  Dort wurden sie im thüringischen Meiningen restauriert. 

Jetzt heizen und lenken Freiwillige in feschen blauen Uniformen mit dem DFB-Signet die Lokomotiven, knipsen die Fahrkarten, bedienen im Barwagen, der manche Züge begleitet, servieren »Wienerli« im Imbiß der Bergstation Furka oder verkaufen in Realp in einem ausrangierten Eisenbahnwagen Andenken. 
Die spürbare Begeisterung überträgt sich auch auf die Passagiere der »Märklin Bahn in ganz groß«, wie ein Passagier treffend formuliert. 
Allein 1997 fuhren 36 800 Dampfbahn-Fans auf die Furka. Tendenz heftig steigend. 

Quelle Stern 15/98  10.04.1998