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Im Zug der Transsib

Dicke Teppiche, weiche Polster, glänzendes Messing -ein Mythos der Eisenbahngeschichte. auf Gleis vier des Kasaner Bahnhofs in Moskau steht der Sonderzug der Transsibirischen Eisenbahn, kurz Transsib, bereit: zwölf Schlafwagen, zwei rollende Restaurants, Bar- und Salonwagen. Die Nostalgiewagen der Komfortklasse stammen aus dem einstigen Regierungszug Breschnews. 160 Passagiere gehen an Bord, ausschließlich Touristen, die bis Peking fast 8000 Kilometer Neuland erfahren wollen.

Das Faszinierende an dieser Reise ist die Landschaft. Wie viel Frieden, wie viel Majestät, wie viel Endlosigkeit herrscht hinter dem Ural. Erst auf dieser Strecke erkennt man, dass Europa nur der Auftakt zu einer gewaltigen Landschaftssinfonie ist, die sich in Sibirien entfaltet. Fünf Tage und Nächte geht es im 8o-Kilometer-Tempo gen Osten, mit Stopps in der Tatarenhauptstadt Kasan, an der Wolga und in Nowosibirsk. Hinter Irkutsk windet sich der Zug frühmorgens durch das Gebirge. Wir fahren fast bis in die Wolken. Der Himmel reißt auf und von unten leuchtet eine Fläche aus purem Silber der Baikalsee. Nichts auf der Welt ist mit diesem Anblick vergleichbar Ein See wie ein Meer,25 Millionen Jahre alt, 1600 Metertief, 600 Kilometer lang. Für Stunden fahren wir gemächlich direkt am Wasser entlang. Die Luft ist so klar, dass das andere Ufer zum Greifen nahe scheint, obwohl es 40 Kilometer entfernt liegt.

Mitterweile ist der Zug zum rollenden Zuhause geworden. Viele Vorurteile über die Transsib werden bei der Sonderfahrt widerlegt. Kein Händlerchaos auf den Gängen. Keineverdreckten Toiletten. Der Standard-Waggon hat zwei Waschräume, in der Komfortklasse teilen sich je zwei Abteile eine Duschkabine.Die Menüs werden frisch zubereitet, der Krimsekt lässt Zarenstimmung aufkommen. Kaviar- und Wodka-Probe gehören ebenso zum Bordprogramm wie Vorträge über Land und Leute. Das Zugpersonal ist ausgesucht. Die Reisebegleiter geleiten ihre Gäste auch durch das dichteste Bahnhofsgewühl, zum Beispiel in Irkutsk und Ulaan Baatar, wo die Zugreisenden zwischendurch im Hotel übernachten.

Die Transsib-Tour ist keine Luxusreise. Aber eine Möglichkeit, auf bequeme Art durch Gegenden zu fahren, die im Westen nur wenige kennen. Zum Beispiel die Mongolei: Das extreme Land mit zehnmal so viel Tieren wie Einwohnern, mit Pferdeherden und Nomadenzelten, wirkt wie ein endloser Spaziergarten. In dem paradies aus Graslandschaften begleitet einen das Verlangen, sich ins Grüne zu legen und einen kurzen Sommer zuverträumen. Doch die Reise geht weiter-ab der Hauptstadt Ulaan Baatar mit dem Regelzug, weil unser Sonderzug nicht nach China weiterfahren kann.

Dennoch bleiben West Touristen fast unter sich. Vormittags rollen wir an der Großen Mauer entlang, am Abend empfängt uns als Endstation eine erstaunliche Stadt: Peking im Wandel zu einem nördlichen Singapur.

Aus ADAC Motorwelt Michael Winter