Lehmann's Lehmann-Gartenbahn

Mit einer HO-Modellbahn fing es an. Doch, wie so oft, ließ sich der Wunsch nach einer Großanlage aus dem reichlich vorhandenen Material aus Platzmangel nicht verwirklichen. Eines Tages kam Rolf Lehmann die Idee, wie er seine Vorstellungen von Zügen auf ausgedehnten Strecken in die Tat umsetzen könnte. Die HO-Bahn wurde verkauft und bildete den willkommenen finanziellen Grundstock für den Einstieg in die Freilandbahn-Welt in großem Maßstab. Und das in zweifacher Hinsicht: 1:22,5 und auf Anhieb hundert Meter Gleis!

Ohne den üblichen Beginn mit einer Anfangspackung ging Rolf Lehmann mit Volldampf auf die Strecke. Die 99 6001 mit Geräuschelektronik, ein paar Güterwagen und die Handhebeldraisine gehören von Anfang an, seit 1981, zum Fahrzeugpark von Lehmann's Lehmann-Gartenbahn.

Den ersten Anlagenteil baute Rolf Lehmann entlang der oberen Grundstücksgrenze auf dem leicht geneigten Gelände um das Eigenheim. Der Vorstellung von langen Fahrstrecken folgend, entstand das Gleisbild in Form eines Knochens. Am Bahnhof wurden in beiden Richtungen Überholgleise eingerichtet. Die beiden Richtungsgleise wurden nicht verbunden, um den Schaltungsaufwand gering zu halten. Erst später wurde eine Verbindung über Rampen und eine Brücke hergestellt, die nicht mehr befahren werden. Starker Frost hat hier seine Spuren hinterlassen und die Rampen beschädigt. Das abgebrochene Brückengeländer dürfte einer Katze zu verdanken sein.

Das sind schon die wenigen leidvollen Erfahrungen aus dem Freilandbetrieb. Dass man mit der Natur leben muss (und kann), zeigt ein weiteres Beispiel. In der Burg, einer günstig erstandenen Schaufensterdekoration eines Kaufhauses, die über dem Kehrtunnel des zweiten Bauabschnitts steht, hat sich ein Igel sein Nest gebaut. Manchmal hält er im Tunnel, der servicefreundlich unter Betonplatten liegt, den Betrieb etwas auf. Wenn demnächst die verwitterte Burg neuen Plänen weichen muss, bekommt das kleine Stacheltier trotzdem wieder ein Quartier. Das steht schon fest.

Spätestens seitdem die Anlage bis zur Straße hin erweitert wurde und mit ihren Hangviadukten unübersehbar ist, sorgt Lehmann's LGB für Kontakte zu kleinen und großen Gartenbahnfreunden aus der Umgebung. Da werden schon mal eigene Fahrzeuge zum Probefahren und Fachsimpeln mitgebracht.

Die meterlangen Viadukte, die das leichte Gefälle des Gartens ausgleichen, sind frostsicher in 80 cm Tiefe verankert. Die Teile wurden aus Beton gegossen, jeweils von Bogenmitte zu Bogenmitte. Die Fertigteile erhielten anschließend eine Mauerstruktur aufgemalt.

Im Winter ruht der Fahrbetrieb. "Es macht keinen Spaß, in der Kälte zu stehen", findet Rolf Lehmann, der seine Züge von der Terrasse aus steuert. So betätigt sich der Post-Oberinspektor in der kalten Jahreszeit handwerklich als Brückenbauer. Ohne einen Aufstellort festgelegt zu haben, baute er aus purer Begeisterung die berühmte Golden Gate Bridge. Zwar nicht im LGB-Maßstab, aber doch so groß, dass das Auto einige Zeit auf die Garage verzichten musste.

Als LGB die FO-Zahnradlok herausbrachte, war die Standortfrage der gut vier Meter langen Golden Gate schnell gelöst. Lehmann befestigte sie oberhalb des Garagentors an der Giebelwand, wo sie recht gut zur Geltung kommt. Am rechten Ende ist die Brücke an den zentralen Burgberg angeschlossen. Dort liegt im Tunnel eine 270Grad-Kehre. Recht steil, doch ohne Zahnstange, folgt die Strecke dem Viadukt, unterquert ihn kurz vor der Straße und passiert in einer langen Tunnelröhre die Garagenzufahrt. Wieder ans Tageslicht gekommen, bewältigt die Zahnradbahn auf einem Damm und anschließend auf einer Brückenkonstruktion aus Aluminium einen Höhenunterschied von etwa einem Meter bis zur Golden Gate.

Die 350 Meter LGB-Gleise (beim Vorbild wären das umgerechnet 8 km!) bieten reichlich Fahrmöglichkeiten für den eher bescheidenen Fahrzeugpark: 7 Lokomotiven und 25 Wagen. Der entgleisungsfreudige, weil zu leichte Tender der Westernlok ist das einzige Problem, das Lehmann mit seinen LGB-Fahrzeugen hat. Seitdem die zehn elektrischen Weichen den EPL-Antrieb haben, verrichten sie ihren Dienst ohne besondere Pflege tadellos.

Für die Gleisverlegung hat Lehmann ein eigenes Rezept. Er hat die Schienen auf sogenannten Rinnenplatten mit Dübeln und Schrauben befestigt. Die Platten mit den Maßen 30x1 5x6 cm gibt es billig im Baustoffhandel. Nur extreme Kälte verwirft im Winter mal eine Platte. Sommerhitze hat keine negativen Auswirkungen auf den Oberbau. Der Schotter vom nahe gelegenen Steinbruch ist nur aufgestreut und wird bei starken Regenfällen manchmal auf das Gleis geschleudert. Diesen Nachteil nimmt der Erbauer in Kauf, weil die Gleise so immer zugänglich sind und leicht entfernt und wiederverwendet werden können. Aus diesem Grund sind die Gleise auch nicht verlötet. Stattdessen läuft ein gewöhnliches Stromversorgungskabel mit, das alle zwei bis vier Meter mit dem Gleis verbunden ist. Die gleichmäßige Stromversorgung sorgt nicht nur für eine störungsfreie Fahrt, sondern erleichtert auch die Fehlersuche bei Kontaktproblemen, wie sie von herabfallenden Blättern und Staub verursacht werden.

Für Freilandanlagen gibt Rolf Lehmann den Tipp, möglichst lange Schienenstücke zu verwenden. Die Übergangswiderstände, die an den Schienenverbindern unweigerlich durch Staub und Oxidation entstehen, werden so weitgehend vermieden.

Am Karfreitag beginnt in jedem Jahr der Fahrbetrieb, wenn die Gleise mit einem Schienenreinigungsgummi von den Resten des Winters befreit worden sind. Bis zum Herbst, wenn fallendes Laub den Betrieb zu stören beginnt, reicht die gelegentliche Reinigung der Schienen mit dem Nümo-Schienenschleifer (den Lehmann eigentlich von LGB erwartet hätte) völlig aus.

Einen Arbeitskollegen hat Lehmann (Jahrgang 1945) mit seinem Hobby angesteckt. Seine Frau lässt die Bahn kalt. Den beiden Töchtern kann man die mangelnde Begeisterung für die LGB nicht verdenken: Zum Kindergeburtstag eingeladene Jungen erlagen viel zu leicht den Reizen der Gartenbahn. Heute überwiegt die Anziehungskraft der inzwischen erwachsenen Töchter. Jüngere Kinder aus der Nachbarschaft schauen gern zu, wenn die Züge durch den Garten fahren, und Rolf Lehmann denkt darüber nach, was aus dem Burgberg wird, wenn die verwitterte Burg auf den Sperrmüll muss.

LGB Depesche 61 Frühjahr, 1989

www.howibahn.de